Lange galt SaaS als die Antwort auf fast alles. CRM? Salesforce. Projektmanagement? Jira oder Monday. HR? Personio. Für jedes Problem gab es ein Abo. Das war bequem und meistens auch sinnvoll.
Aber 2026 dreht sich etwas. Retool hat im Februar seinen Build-vs.-Buy-Report veröffentlicht. Das Ergebnis: 35 Prozent der befragten Unternehmen haben bereits mindestens ein SaaS-Tool durch eine eigene Lösung ersetzt. 78 Prozent wollen 2026 noch mehr interne Tools selbst bauen.
Warum SaaS an Grenzen stößt
Das Problem hat einen Namen: SaaS Fatigue. Unternehmen verwalten Dutzende Abos, die alle ein bisschen können, aber nichts richtig gut. Die Daten liegen verstreut in verschiedenen Systemen. Schnittstellen sind lückenhaft oder fehlen ganz.
Dazu kommen die Kosten. Laut Gartner liegen die Preiserhöhungen bei SaaS-Vertragserneuerungen aktuell bei 10 bis 20 Prozent. Wer drei oder vier größere Tools im Einsatz hat, spürt das schnell im Budget.
Und dann ist da noch die Passform. Standardsoftware verfolgt den Ansatz, möglichst viele Kunden mit einem Produkt zu bedienen. Das funktioniert bei E-Mail und Tabellenkalkulation. Aber sobald ein Unternehmen eigene Prozesse hat, die es von der Konkurrenz unterscheiden, wird die Standardlösung zum Korsett.
Warum der Trend jetzt kippt
Individuelle Software war früher teuer und langsam. Ein mittelständisches Unternehmen konnte sich selten leisten, für 100.000 Euro ein Tool entwickeln zu lassen, das nach sechs Monaten fertig wird.
KI hat diese Gleichung verändert. Mit AI-nativer Entwicklung entstehen individuelle Lösungen in Wochen statt Monaten. Die Kosten liegen oft unter den kumulierten SaaS-Gebühren von zwei bis drei Jahren.
Der globale Markt für individuelle Softwareentwicklung bestätigt das. Er lag 2025 bei 44,2 Milliarden Dollar und soll bis 2035 auf 213 Milliarden Dollar wachsen. Das entspricht einem jährlichen Wachstum von 17,3 Prozent.
Für wen lohnt sich der Wechsel?
Die ehrliche Antwort: nicht für jeden. E-Mail, Buchhaltung und Standardkommunikation laufen mit SaaS-Lösungen gut. Da gibt es keinen Grund zu wechseln.
Interessant wird es bei Prozessen, die Ihr Unternehmen besonders machen. Das kann ein spezieller Workflow in der Auftragsabwicklung sein, eine branchenspezifische Kundenverwaltung oder ein internes Tool, das drei verschiedene Systeme zusammenführt.
Ein Beispiel aus unserer Praxis: KlarMiete ist eine Immobilienverwaltung für private Vermieter. Die vorhandenen Lösungen am Markt waren entweder zu komplex oder technisch veraltet. Eine individuelle Lösung mit KI-gestützter Nebenkostenprüfung war in sechs Wochen einsatzbereit.
Der hybride Ansatz
Die meisten Unternehmen werden nicht komplett auf individuelle Software umsteigen. Das ist auch gar nicht nötig. Der clevere Weg ist ein Mix: SaaS dort, wo es Standard gibt, und individuelle Lösungen dort, wo Differenzierung zählt.
Gartner prognostiziert, dass bis 2026 rund 75 Prozent aller neuen Anwendungen mit Low-Code oder No-Code gebaut werden. Aber auch hier gilt: für einfache interne Tools mag das reichen. Sobald es um Kundendaten, Schnittstellen oder individuelle Geschäftslogik geht, braucht es professionelle Entwicklung.
Fazit
Der Markt bewegt sich klar in Richtung individueller Lösungen. Nicht weil SaaS schlecht ist, sondern weil individuelle Software inzwischen schnell und bezahlbar geworden ist. Wer eigene Prozesse hat, die sein Geschäft ausmachen, sollte sich fragen: Passt das Standardtool wirklich? Oder zahle ich jeden Monat für Features, die ich nicht brauche, während mir die eine Funktion fehlt, die den Unterschied macht?
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